Das Thema „Sehen lernen“ begleitet mich schon seit vielen Jahren, im Beruf und privat. Es ist eine Grundlage für „verstehen“. Lernen wir die Welt um uns herum bewusst und achtsam zu sehen bzw. wahrzunehmen, haben wir die Chance Neues zu entdecken. Was viele nicht wissen, aber evolutionär extrem wichtig ist, ist, dass wir das „sehen“ was wir erwarten und nicht das, dass real zu sehen ist (Bias). Diese Art des Sehens ist enorm wichtig für das Gehirn, da es sonst durch die unglaublich große Datenflut ständig überfordert wäre. Dieses Phänomen ist um so ausgeprägter, um so vertrauter die Umgebung oder Situation ist oder erscheint, in der wir uns bewegen. Je stärker unsere Erwartung ist, wie etwas zu sein hat, um so mehr „sieht“ unser Gehirn, was es sehen möchte und erwartet.
Wir kennen dieses Phänomen auch unter dem Stichwort „betriebsblind“. Wenn wir bewusst und achtsam „sehen“ (riechen, schmecken …) gibt es noch einen weiteren Effekt. Wir entschleunigen uns, da bewusste Wahrnehmung wesentlich mehr Zeit beansprucht. Alles um uns herum scheint sich zu verlangsamen und irgendwie stillzustehen. Einzelne Wahrnehmungen können so dominant sein, dass andere ausgeblendet werden und das Erwartete „erkannt“ wird. Zauberer nutzen dies, um uns zu überraschen, weil wir „sehen“ was wir erwarten, nicht was wirklich ist.
In diesem Sinne schaue ich durch meinen Sucher, wähle ungewöhnliche Perspektiven aus, hebe Farben oder Strukturen besonders hervor oder schwäche sie ab. Ich durchbreche gewohnte Muster, auch bei der Art und Weise wie ich fotografiere. Unerwartete Eigenschaften werden sichtbar, die sonst gerne übersehen werden und im Verborgenen bleiben.
PS: Durchbrechen sie doch auch mal Ihre gewohnten Muster und lernen Sie Ihre Umwelt neu wahrzunehmen:
- Dessert als Vorspeise essen
- anderer Weg / Verkehrsmittel zur Arbeit
- in einem anderen Laden / Supermarkt einkaufen
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